Das Rating-Tabu fällt: FIDE öffnet die Elo-Wertung für Online-Schach

Das Rating-Tabu fällt: FIDE öffnet die Elo-Wertung für Online-Schach

FIDE und World Chess planen ein Experiment, das Online-Schach erstmals zum Zugang in das offizielle FIDE-Rating machen könnte. Was als vorsichtiger Versuch mit 1800-Elo-Grenze beginnt, ist zugleich ein echter Tabubruch – und wirft Fragen zu Fair Play, Transparenz und der Rolle von World Chess auf.

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Es ist eine dieser Meldungen, bei denen man zweimal lesen muss. FIDE und World Chess haben angekündigt, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten, das noch vor wenigen Jahren als nahezu undenkbar gegolten hätte: Online-Partien sollen erstmals dazu führen können, dass Spieler eine offizielle FIDE-Rapid- oder FIDE-Blitz-Wertung erhalten.

Unter dem Titel „First Rating Experiment“ soll ein zweijähriger Versuch vorbereitet werden. Spieler, die bisher keine offizielle FIDE-Wertung besitzen, könnten über überprüfte Online-Partien eine erste offizielle FIDE-Zahl im Schnell- oder Blitzschach erwerben. Klassisches Schach ist ausdrücklich nicht Teil des Experiments.

Wichtig ist dabei eine Einschränkung, die in der Debatte leicht untergeht: Die über diesen Weg erworbene Wertung soll nach aktuellem Vorschlag bei 1800 Elo gedeckelt werden. Das bedeutet: Selbst wenn ein Spieler online deutlich stärker abschneidet, könnte er über dieses Verfahren höchstens mit 1800 Elo in das FIDE-System einsteigen. Wer darüber hinauskommen möchte, müsste weiterhin am Brett spielen.

Damit ist das Projekt auf der praktischen Ebene deutlich begrenzter, als es zunächst klingt. Es geht nicht darum, dass Spieler sich online in Titelregionen oder in die Spitze des FIDE-Ratings hineinspielen können. Gleichzeitig bleibt der Schritt symbolisch gewaltig. Denn zum ersten Mal würde Online-Schach offiziell als möglicher Zugang in das klassische FIDE-Wertungssystem anerkannt.

Die Idee: Schach globaler machen

FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich begründet das Vorhaben mit dem Wachstum des Schachs. Nach Angaben von FIDE und World Chess besitzen derzeit rund 500.000 Spieler eine offizielle FIDE-Wertung, während weltweit hunderte Millionen Menschen Schach spielen. Zwischen beiden Zahlen liegt eine riesige Lücke.

Dvorkovich formuliert es so:

„This is how FIDE grows the game responsibly.“

Gemeint ist: Die FIDE will den Zugang zum offiziellen Schach öffnen, aber unter kontrollierten Bedingungen. Das Projekt soll laut Ankündigung transparent, überprüfbar und unter Einbeziehung der Schachgemeinschaft entwickelt werden.

Auch World-Chess-Chef Ilya Merenzon argumentiert in diese Richtung. Eine FIDE-Zahl öffne Türen zu Turnieren, Förderprogrammen und unter Umständen auch zu einer professionellen Schachkarriere. Viele Spieler hätten bisher schlicht keinen realistischen Weg zu einer offiziellen Wertung.

Ilja Merenzon (Quelle)

Merenzon verweist dabei auf ein strukturelles Problem: 80 Prozent aller gewerteten FIDE-Partien würden in nur zehn Prozent der Länder gespielt. In rund 50 Ländern gebe es praktisch keine aktiven FIDE-Spieler. Damit ist das Problem nicht nur sportlich, sondern auch geografisch. Wer in einer Region ohne Turnierstruktur, ohne aktive Föderation und ohne regelmäßige FIDE-Turniere lebt, kann zwar online stark spielen, bleibt im offiziellen System aber unsichtbar.

Das Globalisierungsargument ist deshalb nicht von der Hand zu weisen. Schach wird heute längst nicht mehr nur im Vereinsheim, im Turniersaal oder im Hotel gespielt. Für Millionen Spieler ist Online-Schach der eigentliche Zugang zum Spiel. Gerade in Ländern ohne dichte Turnierlandschaft könnte ein überprüfter Online-Einstieg in das FIDE-System tatsächlich Türen öffnen.

Der Kernkonflikt: Darf man Online- und OTB-Rating vermischen?

So nachvollziehbar die Idee ist, so heikel ist sie zugleich.

Die FIDE-Elo beruht traditionell auf Partien am Brett. Zwei Spieler sitzen sich gegenüber, unter kontrollierten Turnierbedingungen, mit Schiedsrichtern, Turnierregeln und persönlicher Anwesenheit. Online-Schach funktioniert anders. Die Spielumgebung ist nicht vollständig kontrollierbar. Es gibt technische Unterschiede, verschiedene Endgeräte, unterschiedliche Verbindungsqualität und vor allem die immer wieder diskutierte Frage des Fair Play.

Deshalb ist die erste Reaktion vieler Kritiker wenig überraschend: Online-Partien und OTB-Partien seien nicht dasselbe und dürften auch nicht in denselben offiziellen Wertungspool einfließen.

Der internationale Schiedsrichter Chris Bird brachte die Skepsis besonders scharf auf den Punkt:

„This is a horrendous idea clearly just motivated by money!“

Quelle

Bird sieht offenbar nicht nur ein technisches Problem, sondern auch ein kommerzielles. Wenn eine private Plattform wie World Chess zum exklusiven Ort wird, an dem ein solcher Zugang zum offiziellen FIDE-System möglich ist, stellt sich automatisch die Frage, wer davon profitiert.

Gleichzeitig muss man fairerweise sagen: FIDE und World Chess versuchen, die Kritikpunkte im Konzept vorwegzunehmen. Das Experiment soll nur Rapid und Blitz betreffen. Klassische Elo, Titel und Normen sollen ausdrücklich nicht betroffen sein. Die Einstiegswertung soll gedeckelt sein. Es soll Identitätsprüfungen geben. Die geplante Umrechnung soll nicht auf ein paar zufälligen Online-Partien beruhen. Wer eine FIDE-Wertung erhalten will, müsste zuvor einen belastbaren Nachweis seiner Spielstärke erbringen – unter anderem durch gewertete Online-Turniere. Dazu kommen Anti-Cheating-Prüfungen, ein eigener Anti-Cheating Officer und ein Berufungsverfahren.

Die 1800-Elo-Grenze ist in diesem Zusammenhang entscheidend. Sie ist der Versuch, das Risiko für das bestehende System zu begrenzen. Niemand soll sich online direkt eine hohe FIDE-Zahl erspielen können. Die Spitze des Schachs bleibt unberührt. Auch ambitionierte Spieler oberhalb von 1800 müssen weiterhin den klassischen Weg über Turniere am Brett gehen.

Trotzdem bleibt der Tabubruch bestehen. Denn selbst wenn es „nur“ bis 1800 geht, selbst wenn es „nur“ Rapid und Blitz betrifft, selbst wenn es „nur“ ein zweijähriger Versuch ist: Eine offizielle FIDE-Wertung wäre dann erstmals nicht ausschließlich am Brett entstanden.

Nur die erste FIDE-Wertung? Eine wichtige offene Frage

Besonders interessant ist ein Detail in den veröffentlichten Unterlagen. Auf der Informationsseite von World Chess heißt es ausdrücklich:

„A first rating only. No titles, no norms. Once you have a rating, further progress is earned over the board as always.“

Das klingt eindeutig: Es soll vor allem um die erste offizielle FIDE-Wertung gehen. Wer noch keine FIDE-Zahl besitzt, bekommt über den Online-Weg einen Einstieg. Danach müsste jede weitere Entwicklung wieder am Brett stattfinden.

An anderer Stelle heißt es allerdings auch, dass Spieler ihre Online-Wertung einmal pro Kalenderjahr in eine OTB-Wertung umwandeln können sollen. Diese Formulierung lässt Raum für Nachfragen. Bedeutet das wirklich nur den einmaligen Einstieg? Oder könnten Spieler während des Experiments mehrfach eine Online-Zahl übertragen lassen, solange sie unterhalb der 1800-Grenze bleiben?

Genau hier liegt eine wichtige offene Frage. Wenn es tatsächlich nur um eine erste Einstiegswertung geht, ist das Experiment deutlich begrenzter. Dann wäre es vor allem eine Art Türöffner für bisher ungewertete Spieler. Wenn aber regelmäßige Umrechnungen möglich wären, hätte das Projekt eine größere Wirkung auf das bestehende Wertungssystem.

Die zweite Debatte: Warum gab es keine Ausschreibung?

Neben der sportlichen Frage gibt es eine politische. Warum wurde ein Projekt dieser Tragweite offenbar direkt mit World Chess entwickelt? Warum gab es keine öffentliche Ausschreibung?

Großmeister Peter Heine Nielsen kritisierte auf X genau diesen Punkt. Er schrieb:

„No public tender, FIDE elections in a few months.“

Und weiter:

„This is not how one operate in a transparent democracy, by instead chooses shady backroom deals favouring individuals, but hurting the game of chess.“

Der Vorwurf ist klar: Wenn die FIDE einen offiziellen Zugang zum Ratingsystem über eine Online-Plattform schaffen will, müsste ein solcher Schritt besonders transparent vorbereitet werden. Schließlich gibt es mit Chess.com, Lichess, dem Internet Chess Club oder auch ChessBase mehrere Anbieter, die Erfahrung mit Online-Schach, großen Spielerzahlen, Turnierbetrieb und Fair-Play-Systemen haben.

Gerade weil Rating, Fair Play und FIDE-Anerkennung zentrale Güter des internationalen Schachs sind, wirkt eine direkte Kooperation mit einem bestimmten kommerziellen Partner erklärungsbedürftig. Dabei geht es nicht zwingend darum, World Chess die Kompetenz abzusprechen. Aber je sensibler der Gegenstand ist, desto wichtiger wäre ein Verfahren, das nachvollziehbar macht, warum ausgerechnet dieser Partner ausgewählt wurde – und warum andere Anbieter offenbar keine Möglichkeit hatten, ein eigenes Konzept vorzulegen.

Nicht die Existenz eines Partners ist das Problem, sondern die Tatsache, dass ein neuer Zugang zum offiziellen FIDE-Rating ohne offenen Wettbewerb an einen bereits eng mit der FIDE verbundenen Anbieter gebunden wird.

Interessant ist die Reaktion von Ilya Merenzon. Er ging nicht frontal in die Gegenattacke, sondern bot öffentlich ein Gespräch an:

„I lately feel that I am making a mistake not explaining what we are trying to do ... I will be happy to answer any questions on this and provide background.“

Später schrieb Merenzon sogar:

„The criticism is valid.“

Das ist bemerkenswert. Merenzon bestreitet also nicht grundsätzlich, dass es Erklärungsbedarf gibt. Er versucht vielmehr, das Projekt als offenen Prozess darzustellen, der noch nicht abgeschlossen ist.

World Chess, Merenzon und die Nähe zur FIDE

Die Debatte wirft auch ein Schlaglicht auf die Rolle von World Chess.

World Chess beschreibt sich selbst als offizieller kommerzieller Partner der FIDE. Das Unternehmen betreibt worldchess.com, organisiert Schachveranstaltungen, produziert Inhalte und ist an der Londoner Börse notiert. Ilya Merenzon gehört seit Jahren zu den bekanntesten Unternehmern im internationalen Schach.

Über worldchess beziehungsweise die kooperierende FIDE Online Arena können Spieler schon heute Online-Arena-Titel wie ACM, AFM, AIM oder AGM (Arena Großmeister) erwerben. Diese Titel sind jedoch ausdrücklich eigene Online-Titel und nicht mit klassischen OTB-Titeln wie CM, FM, IM oder GM gleichzusetzen. Das neue Experiment ginge deshalb einen Schritt weiter: Erstmals würde nicht nur ein FIDE-naher Online-Titel vergeben, sondern eine offizielle FIDE-Rapid- oder Blitzwertung aus Online-Partien abgeleitet.

Auch in Deutschland wurde World Chess zuletzt nicht nur als Online-Plattform sichtbar, sondern durch den World Chess Club in Berlin. Der Club sollte Schach als Lifestyle-, Event- und Begegnungsort präsentieren – also genau jene Verbindung aus Sport, Community, Marke und Kommerz, für die World Chess seit Jahren steht. Inzwischen musste der Club jedoch seine Türen schließen. Das wirtschaftliche Konzept blieb für viele Beobachter schwer einzuordnen.

In den vergangenen Monaten hatte World Chess in seiner Berichterstattung teilweise einen erstaunlich sachlichen und distanzierten Ton gegenüber der FIDE gefunden, etwa im Artikel über die Sperre des russischen Schachverbandes wegen deren Verstoßes gegen internationale Besitmmungen. Umso stärker fällt nun auf, wie eng die Verbindung bei diesem Projekt tatsächlich ist.

Genau hier wird die Auswahl von World Chess heikel. Es geht nicht um ein beliebiges Online-Turnier, sondern um den Zugang zum offiziellen FIDE-Rating – also um eine zentrale Infrastruktur des Weltschachs. World Chess ist bereits eng mit der FIDE verbunden und zugleich ein kommerzielles Unternehmen mit eigenen Interessen. Dass ein solches Projekt ohne erkennbare Ausschreibung ausgerechnet an einen bestehenden FIDE-Partner geht, wirkt deshalb mindestens wie problematische Klientelpolitik.

All das beweist noch keine unlautere Absicht. Aber es nährt den Eindruck, dass wirtschaftliche Interessen und FIDE-Entscheidungen zu eng ineinandergreifen. Für ein Projekt, das Vertrauen in Fair Play, Rating und institutionelle Unabhängigkeit voraussetzt, ist genau dieser Eindruck gefährlich.

Vorsichtiger Versuch oder gefährlicher Präzedenzfall?

Die Antwort lautet vermutlich: beides.

Auf der einen Seite ist das Projekt wesentlich vorsichtiger angelegt, als manche Schlagzeile vermuten lässt. Es betrifft nicht das klassische Schach. Es betrifft nicht Titel und Normen. Es betrifft nicht die Elo-Spitze. Es soll zeitlich begrenzt sein. Es gibt eine Obergrenze von 1800. FIDE will das Experiment beaufsichtigen und kann es nach eigener Darstellung stoppen.

Auf der anderen Seite ist der symbolische Schritt enorm. Seit Jahrzehnten gilt im Schach ein fast unumstößliches Prinzip: Offizielle Wertungen werden am Brett erspielt. Dieses Prinzip wird nun erstmals aufgeweicht.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob das Experiment technisch funktioniert. Die entscheidende Frage ist, welchen Präzedenzfall es schafft.

Wenn Online-Partien erstmals zu einer offiziellen FIDE-Wertung führen können, wird die nächste Debatte nicht lange auf sich warten lassen. Warum nur bis 1800? Warum nur für die erste Wertung? Warum nur Rapid und Blitz? Warum nur World Chess? Warum nicht auch andere Plattformen? Warum nicht später höhere Grenzen?

Genau deshalb ist die 1800-Grenze so wichtig. Sie schützt das System, aber sie markiert auch die neue Grenze des Denkbaren. Heute ist sie als Sicherheitsbarriere gedacht. Morgen könnte sie zur Verhandlungsmasse werden.

Eine Debatte, die geführt werden muss

Das Projekt hat echte Chancen. Es könnte Spieler sichtbar machen, die bisher keinen Zugang zum offiziellen Schach hatten. Es könnte Föderationen helfen, Talente zu entdecken. Es könnte die FIDE-Welt realistischer abbilden, weil Schach heute eben nicht nur in Turniersälen stattfindet, sondern millionenfach online.

Aber gerade weil die Idee nicht absurd ist, muss sie besonders sorgfältig geprüft werden. Das Rating-System ist eine der wichtigsten Infrastrukturen des Weltschachs. Seine Glaubwürdigkeit darf nicht durch technische Experimente, unklare Zuständigkeiten oder den Eindruck kommerzieller Sonderwege beschädigt werden.

FIDE und World Chess sprechen von einer offenen Konsultation. Daran wird sich das Projekt messen lassen müssen. Die Schachgemeinschaft braucht klare Antworten: zur 1800-Grenze, zur Frage der ersten Wertung, zum Anti-Cheating-System, zur Rolle von World Chess und zur fehlenden Ausschreibung.

Am Ende ist das „First Rating Experiment“ genau das: ein Experiment. Aber es ist kein kleines. Es ist ein vorsichtiger Versuch mit Sicherungen – und zugleich ein echter Tabubruch.

Die 1800-Grenze, die Beschränkung auf Rapid und Blitz und der Verweis auf eine erste FIDE-Wertung sollen das Risiko begrenzen. Doch selbst mit diesen Sicherungen bleibt der Grundsatz berührt: Eine offizielle FIDE-Wertung wäre dann erstmals nicht mehr ausschließlich am Brett entstanden.

Denn zum ersten Mal steht die Frage im Raum, ob die offizielle Schachwelt Online-Schach nicht mehr nur als parallele Spielwiese betrachtet, sondern als möglichen Zugang zu ihrem eigenen Wertungssystem.

Weitere Quellen: 


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