EU sanktioniert Dvorkovich: Tritt der FIDE-Präsident nun zurück?

EU sanktioniert Dvorkovich: Tritt der FIDE-Präsident nun zurück?

Die Europäische Union hat FIDE-Präsident Arkadij Dvorkovich sanktioniert. Damit steht nicht nur seine weitere Amtsführung infrage, sondern auch seine Kandidatur bei der FIDE-Wahl im September.

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Die Europäische Union hat den Präsidenten des Weltschachverbandes FIDE, Arkadij Dvorkovich, offiziell sanktioniert.

Das am 23. Juli 2026 beschlossene 21. EU-Sanktionspaket umfasst insgesamt 48 Personen und 170 Organisationen. Neben Dvorkovich ist auch Michail Degtjarjow, der russische Sportminister und Präsident des Russischen Olympischen Komitees, betroffen.

Warum hat die EU Dvorkovich sanktioniert?

Die offizielle Begründung für die Sanktionen gegen Dvorkovich lag zunächst noch nicht in ihrer endgültigen Form vor. Medienberichten (Quelle) zufolge wirft die EU Dvorkovich vor,

  • den russischen Angriffskrieg öffentlich unterstützt zu haben,
  • besetzte ukrainische Gebiete als russische „neue Territorien“ bezeichnet zu haben,
  • und als Ehrenvorsitzender beziehungsweise führender Repräsentant des Russischen Schachverbandes mit einer Organisation verbunden zu sein, die Schachveranstaltungen in besetzten ukrainischen Gebieten durchführte.

Hinzu kommt seine lange politische Vergangenheit: Dvorkovich war unter anderem Wirtschaftsberater des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew und von 2012 bis 2018 stellvertretender Ministerpräsident Russlands.

Öffentlich verkündet wurde die Sanktionierung zunächst vom ukrainischen Sportminister Matwij Bidnyj auf Facebook.

 

Was bedeutet die Sanktion für Dvorkovich persönlich?

Für Dvorkovich bedeutet die EU-Sanktion im Kern drei Dinge:

  • Er darf grundsätzlich nicht mehr in die 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union einreisen oder durch sie reisen.
  • Vermögenswerte, Konten oder andere wirtschaftliche Ressourcen, die sich in der EU befinden, werden eingefroren.
  • EU-Bürger, Banken, Unternehmen und Organisationen dürfen ihm weder direkt noch indirekt Geld oder andere wirtschaftliche Vorteile zur Verfügung stellen.

Welche Folgen hat die Entscheidung für die FIDE?

Für die FIDE kann das erhebliche praktische Folgen haben. Dvorkovich darf nicht mehr regulär an Sitzungen, Turnieren, Kongressen oder offiziellen Terminen in EU-Staaten teilnehmen.

Noch schwerer wiegen möglicherweise die finanziellen Folgen. Die FIDE hat ihren Sitz in Lausanne (Schweiz) und damit außerhalb der Europäischen Union. Dennoch arbeitet sie mit europäischen Banken, Sponsoren, Veranstaltern und nationalen Verbänden zusammen. Diese müssen künftig genau prüfen, ob Zahlungen, Verträge oder andere wirtschaftliche Beziehungen Dvorkovich mittelbar zugutekommen könnten.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die FIDE handlungsunfähig wird. Es entstehen jedoch rechtliche Unsicherheiten und erhebliche Reputationsrisiken.

Das warnende Beispiel Iljumschinow

Die FIDE kennt eine ähnliche Situation bereits.

Dvorkovichs Vorgänger Kirsan Iljumschinow wurde 2015 von den USA sanktioniert. Die Maßnahmen erschwerten unter anderem Bankgeschäfte und internationale Kontakte. Die FIDE entzog ihm schrittweise operative Kompetenzen, ehe seine Amtszeit 2018 endgültig endete und Dvorkovich zu seinem Nachfolger gewählt wurde.

Die EU-Sanktionen könnten für Dvorkovich sogar noch einschneidender sein. Sie gelten gleichzeitig in 27 Staaten, darunter viele der wichtigsten Schachnationen, Veranstaltungsorte und Wirtschaftspartner des Weltschachbundes.

Tritt Dvorkovich „freiwillig“ zurück?

Dvorkovich steht nun vor einer schwierigen Entscheidung. Die EU-Sanktion bedeutet nicht automatisch das Ende seiner Amtszeit. Der Druck auf ihn, seinen Rückzug zu erklären, dürfte jedoch erheblich wachsen.

Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob ein von der EU sanktionierter Funktionär weiterhin an der Spitze des Weltschachs stehen und bei der FIDE-Präsidentschaftswahl im September erneut antreten kann.

Es geht auch um Dvorkovichs eigene Aussagen.

Bereits vor der FIDE-Wahl 2022 wurde Dvorkovich von Gegenkandidat Bachar Kouatly direkt gefragt, ob er zurücktreten werde, falls Sanktionen gegen ihn verhängt würden.

Dvorkovichs Antwort fiel eindeutig aus:

„Yes, I will.“

(Klick aufs Bild führt zum Video, über X)

Vier Jahre später formulierte er seine Position allerdings vorsichtiger. In einem neueren Interview mit dem BBC World Service (Quelle) erklärte Dvorkovich:

„Wenn irgendetwas Risiken für den Betrieb der FIDE schafft, einschließlich Sanktionen gegen mich, werde ich zurücktreten.“

Die neuere Aussage enthält damit eine Einschränkung, die es 2022 noch nicht gab: Nicht die Sanktionierung allein wäre demnach entscheidend, sondern die Frage, ob sie die Funktionsfähigkeit der FIDE tatsächlich beeinträchtigt.

Rücktritt – oder zumindest Rückzug von der Wahl?

Dvorkovichs aktuelle Amtszeit endet im September. Die Präsidentenwahl findet im Umfeld der Schacholympiade in Samarkand in Usbekistan statt. Die FIDE-Generalversammlung ist für den 26. und 27. September 2026 angesetzt.

Damit bleiben Dvorkovich nur wenige Tage für eine Grundsatzentscheidung. Im Raum stehen drei Möglichkeiten:

Erstens: Er tritt mit sofortiger Wirkung als FIDE-Präsident zurück.

Zweitens: Er bleibt bis zum Ende seiner Amtszeit im Amt, zieht aber seine Kandidatur für eine weitere Amtszeit zurück.

Drittens: Er erklärt, die Sanktionen verursachten keine unüberwindbaren operativen Probleme, bleibt Präsident und tritt wie geplant erneut an.

Die dritte Variante erscheint derzeit am wahrscheinlichsten.

Dvorkovich könnte argumentieren, dass die FIDE ihren Sitz nicht in der EU hat, dass die Präsidentschaftswahl in Usbekistan stattfindet und dass ihm Reisen außerhalb der Europäischen Union weiterhin möglich sind. Zugleich könnte er seine neuere Aussage so auslegen, dass ein Rücktritt erst dann erforderlich wäre, wenn konkrete und nachweisbare Schäden für die FIDE entstehen.

Der größere sportpolitische Zusammenhang

Die Sanktionierung kommt unmittelbar nach mehreren sportpolitisch brisanten Entscheidungen.

Am 10. Juni suspendierte der FIDE Council den Russischen Schachverband (Pressemeldung FIDE). Grundlage war das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs CAS im Verfahren „Ukrainian Chess Federation gegen FIDE, Arkadij Dvorkovich und den Russischen Schachverband“.

Der CAS stellte fest, dass der russische Verband durch Aktivitäten auf der Krim sowie in den besetzten Gebieten Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja in die territoriale Zuständigkeit des ukrainischen Verbandes eingegriffen hatte.

Russland erhielt eine Frist von 90 Tagen, um diese Aktivitäten einzustellen. Für den Fall der Nichtbefolgung ordnete der CAS eine automatische Suspendierung der FIDE-Mitgliedschaft für bis zu drei Jahre an.

Die FIDE setzte diese Folge anschließend um – nach Dvorkovichs Darstellung (Quelle) nicht aufgrund einer eigenen politischen Entscheidung, sondern weil sie an das CAS-Urteil und ihre eigene Satzung gebunden war.

Aus russischer Sicht gab es zuletzt allerdings auch positive Nachrichten.

Das Internationale Olympische Komitee hob Anfang Juli 2026 die Suspendierung des Russischen Olympischen Komitees vorläufig auf. Russland erhielt damit eine Perspektive auf eine umfassendere Rückkehr zu den Olympischen Spielen 2028.

Am 21. Juli hob die FIDE zudem sämtliche noch bestehenden Beschränkungen gegen den belarussischen Schachverband auf. Belarus darf bei FIDE-Wettbewerben wieder unter eigener Flagge und mit offiziellen Nationalteams antreten.


Dvorkovich (links) und der belarussische Machthaber Lukaschenko (rechts), Quelle

Die FIDE berief sich dabei auf eine Empfehlung des IOC, wonach Sportler nicht für das Handeln ihrer Regierungen verantwortlich gemacht werden sollten. Die ersten großen Wettbewerbe mit belarussischer Flagge sollen ausgerechnet im September in Samarkand stattfinden: die Schacholympiade für Menschen mit Behinderung und die allgemeine Schacholympiade.

Dadurch verschärft sich der politische Kontrast: Während das IOC Russland schrittweise rehabilitiert, die FIDE Russland aufgrund eines CAS-Urteils suspendieren muss und gleichzeitig Belarus wieder freie Hand gibt, sanktioniert die Europäische Union wenige Tage später den Präsidenten der FIDE persönlich - ein bemerkenswertes Spannungsfeld.

Welche Kandidaten bleiben übrig?

Sollte Dvorkovich zurücktreten oder nicht mehr zur Wahl antreten, bleiben nach bisherigem Stand zwei Kandidaten übrig. Beide sind Unternehmer aus Deutschland und haben den Schachsport in der Vergangenheit auf unterschiedliche Weise gefördert.

Wadim Rosenstein wird vom Deutschen Schachbund offiziell unterstützt. Er ist seit Monaten weltweit unterwegs, um Stimmen und Unterstützungserklärungen nationaler Verbände zu sammeln. Zudem hat er sein Team erweitert. Sein Kandidat für das Amt des Deputy President, Gordon Tang, ist ein chinesischer Geschäftsmann. Auch der Präsident des französischen Schachverbandes und der frühere Präsident des algerischen Verbandes gehören inzwischen zu Rosensteins Team: 

(Quelle: X)

Jan Henric Buettner muss dagegen ohne die Unterstützung des Deutschen Schachbundes auskommen.

Sein Kandidat für das Amt des Deputy President ist Malcolm Pein, ein ausgewiesener Schachexperte und international bestens vernetzter Organisator. Inzwischen ist auch Buettners offizielle Kampagnenseite, online gegangen, auf der er sich als Kandidat für das Amt des FIDE-Präsidenten präsentiert.

Warum Dvorkovich trotz Sanktionen gewinnen könnte

Dvorkovich wurde 2022 mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. Er erhielt 157 Stimmen, sein damaliger Gegenkandidat Andrij Baryschpolets (Ukraine) lediglich 16.

Seitdem hat Dvorkovich seine Stellung innerhalb der FIDE weiter gefestigt. Unter seiner Führung wuchsen die kommerziellen Aktivitäten des Verbandes, neue Turnierformate entstanden. Zahlreiche kleinere Mitgliedsverbände erhielten zuletzt finanzielle oder organisatorische Unterstützung.

Für viele Delegierte werden daher möglicherweise nicht die persönliche Integrität oder die EU-Sanktionen ausschlaggebend sein, sondern ganz praktische Fragen:

Wer finanziert Schachprojekte in ihrem Land? Wer garantiert Turniere, Reisekostenzuschüsse und Entwicklungsprogramme? Und welcher Kandidat kann tatsächlich eine Mehrheit der fast 200 Mitgliedsverbände organisieren?

Sollte Dvorkovich trotz der Sanktionen antreten, bleibt er aus heutiger Sicht der Favorit.

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Was macht Russland, wenn Dvorkovich zurücktritt?

Auch wenn sich Russlands jahrzehntelange Dominanz auf dem Schachbrett inzwischen weitgehend aufgelöst hat, ist Schach für den russischen Staat weiterhin von großer symbolischer Bedeutung. Der Einfluss des Kremls auf den Weltschachverband besitzt deshalb auch politische und strategische Relevanz.

Es ist kaum vorstellbar, dass Russland die FIDE im Falle eines Rücktritts Dvorkovichs kampflos einem Präsidenten aus Deutschland überlassen würde.

Bewerbungen für das Amt des Präsidenten und des Deputy President müssen spätestens am 26. Juli um 18 Uhr mitteleuropäischer Zeit eingereicht werden.

Damit bliebe dem russischen Schachverband noch Zeit, im Fall eines Rückzugs Dvorkovichs einen anderen Kandidaten aus dem Ärmel zu zaubern. Dieser müsste internationale Reputation besitzen, weltweit bekannt sein und zugleich zuverlässig auf Kreml-Linie liegen.

Ein Name springt dabei sofort ins Auge: Anatoli Karpow.

Der frühere Weltmeister ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Schachgeschichte und seit Jahren Abgeordneter der russischen Staatsduma. Er stimmte im Februar 2022 für die Resolution, mit der Präsident Putin zur Anerkennung der von Russland kontrollierten Separatistengebiete Donezk und Luhansk aufgefordert wurde – eine zentrale politische Vorstufe des wenige Tage später begonnenen Krieges. 


By Veni Markovski | Вени Марковски - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57775837

Dass Karpow als Kreml-Abgeordneter diesen Kurs mitgetragen hat, dürfte die Mehrheit der abstimmungsberechtigten FIDE-Funktionäre vermutlich kaum davon abhalten, ihn zu wählen. 

Ob er angesichts seines Alters und seines Gesundheitszustandes tatsächlich antreten könnte oder wollte, ist allerdings eine andere Frage. Der Name ist daher zunächst reine Spekulation. Sollte Russland kurzfristig einen Ersatz für Dvorkovich benötigen, wäre ein international bekannter ehemaliger Weltmeister mit engen Verbindungen zum russischen Machtapparat jedoch ein naheliegendes Profil. 


Aktualisierung 23.07.26, 22:36 Uhr: 

Arkadij Dvorkovich hat soeben bekanntgegeben, dass er nicht zurücktritt, aber "die Ausübung seiner Rechte, Pflichten und Vorrechte als Präsident der FIDE aussetzt". Hier seine (übersetzte) Meldung im Wortlaut (Quelle)

Erklärung des FIDE-Präsidenten

Heute wurde die Entscheidung der EU veröffentlicht, meinen Namen in das 21. Sanktionspaket aufzunehmen. Ich möchte unmissverständlich erklären, dass ich diese Entscheidung für rechtswidrig und ungerecht halte. Sie wird umgehend mit allen verfügbaren Mitteln angefochten werden. Ich bin zuversichtlich, dass sich die Gerechtigkeit durchsetzen wird.

Da diese Sanktionen jedoch bis zu einer förmlichen Gerichtsentscheidung beziehungsweise bis zu ihrer Aufhebung oder Änderung die stabile Arbeit der FIDE beeinträchtigen könnten, habe ich beschlossen, die Ausübung meiner Befugnisse und Pflichten als FIDE-Präsident mit sofortiger Wirkung freiwillig auszusetzen. Dies gilt so lange, wie ich den Sanktionen nach dem Recht und den Vorschriften der EU und der Schweiz unterliege.

Gemäß der FIDE-Satzung werden die Aufgaben des Präsidenten vom stellvertretenden FIDE-Präsidenten, dem 15. Schachweltmeister Viswanathan Anand, übernommen.

Ich möchte betonen, dass ich Vertrauen in den FIDE-Rat habe. Ich bin überzeugt, dass der FIDE-Rat und die Verwaltung alle Herausforderungen bewältigen und alles daransetzen werden, die kontinuierliche Arbeit der FIDE, ihrer Veranstaltungen und ihrer sozialen Programme sicherzustellen.

Unter Berücksichtigung dieser Erklärung hat der FIDE-Rat Folgendes beschlossen:

Der FIDE-Rat akzeptiert und bestätigt die Entscheidung von Arkadi Dworkowitsch, die Ausübung seiner Rechte, Pflichten und Vorrechte als Präsident der FIDE auszusetzen.

Dementsprechend wird Dworkowitsch die in der FIDE-Satzung, insbesondere in Artikel 18, sowie in weiteren Regelwerken vorgesehenen Verantwortlichkeiten, Pflichten, Rechte und Vorrechte nicht wahrnehmen, solange die Maßnahmen der schweizerischen „Verordnung über Maßnahmen im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine“ und der EU-Verordnung Nr. 269/2014 in Kraft sind.

Insbesondere darf Dworkowitsch nicht als „détenteur de contrôle“, also als Eigentümer, Inhaber oder kontrollierende Person der FIDE oder ihres Vermögens, handeln.

Gemäß Artikel 19.2 der FIDE-Satzung übernimmt der stellvertretende FIDE-Präsident Viswanathan Anand die Funktion des Interimspräsidenten, solange Dworkowitsch den geltenden restriktiven Maßnahmen nach schweizerischem und europäischem Recht unterliegt.


Fortsetzung folgt …

 

Beitragsbild: Yunfan Zhao / Lichess - Wikipedia


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