WM zwischen Büchern: So plant die FIDE den Titelkampf in Genf

WM zwischen Büchern: So plant die FIDE den Titelkampf in Genf

FIDE-CEO Emil Sutovsky hat neue Details zur Schach-WM 2026 verraten: Salesforce zahlt 9 Millionen Dollar, und gespielt werden soll in der Fondation Martin Bodmer bei Genf – in einem kleinen, besonderen Saal zwischen Büchern.

Bernhard Jehle übergibt sein Schachhandelsgeschäft  an die Chess Tigers  Du liest WM zwischen Büchern: So plant die FIDE den Titelkampf in Genf 8 Minuten

Die kommende Schach-Weltmeisterschaft zwischen Weltmeister Gukesh D und Herausforderer Javokhir Sindarov nimmt immer konkretere Formen an. In einem ausführlichen Gespräch mit Sagar Shah von ChessBase India hat FIDE-CEO Emil Sutovsky zahlreiche neue Details verraten – zum neuen Großsponsor Salesforce, zum ungewöhnlichen Spielort in Genf und sogar schon zur WM 2028.

Salesforce zahlt 9 Millionen Dollar

Die FIDE hat einen neuen Großsponsor an Land gezogen. Salesforce wird für drei Jahre Partner der FIDE. Nach Angaben Sutovskys hat der Vertrag ein Volumen von neun Millionen US-Dollar. Er bezeichnete ihn als den größten eigenständigen Vertrag, den die FIDE bislang mit einem privaten Unternehmen abgeschlossen habe.

Das offizielle Abkommen geht weit über die Weltmeisterschaft 2026 hinaus. Salesforce wird Titelsponsor der WM-Matches 2026 und 2028 sowie der Frauen-WM 2027. Außerdem wird das Unternehmen Technologiepartner der FIDE und Partner der offiziellen FIDE-Ratings und -Ranglisten. 

Zum Vergleich: Bei der WM 2024 zwischen Ding Liren und Gukesh war Google Titelsponsor. Dabei handelte es sich allerdings um ein Sponsoring für dieses eine Match. Beim neuen Vertrag sei das Niveau der Zusammenarbeit „total unterschiedlich“, betonte Sutovsky.

Für ihn persönlich sei der Abschluss auch der Höhepunkt seiner bisherigen vier Jahre als FIDE-CEO. Ganz ohne Eigenlob verlief das Gespräch ohnehin nicht. Einzelne erfolgreiche Organisatoren könnten zwar immer wieder Sponsoren für große Turniere gewinnen, sagte Sutovsky. Die FIDE schaffe dies inzwischen aber auf nachhaltige Weise. Das sei für ihn „sehr befriedigend“.

Vermittelt wurde der Kontakt nach Sutovskys Angaben über die von der FIDE mit der Sponsorensuche beauftragte Sportmarketing-Agentur P11 Group. Die Agentur hatte unter anderem bereits einen Werbedeal von Magnus Carlsen vermittelt.

2028 soll im Salesforce-Hauptquartier gespielt werden

Und die Zusammenarbeit geht noch einen Schritt weiter: Die Weltmeisterschaft 2028 soll nach Sutovskys Angaben im Salesforce-Hauptquartier in San Francisco stattfinden.

Dabei gehe es der FIDE ausdrücklich nicht nur ums Geld. „It’s not only about money“, sagte Sutovsky. Salesforce soll die FIDE auch technologisch erheblich unterstützen.

Das Unternehmen will seine CRM- und KI-Technologie in die Arbeit des Weltverbandes integrieren. Unter anderem soll es KI-basierte Angebote für Schachfans geben. Während einer Weltmeisterschaft könnten Zuschauer beispielsweise Fragen zum Geschehen auf dem Brett stellen und von einem KI-System Antworten erhalten. Salesforce selbst kündigt einen solchen „Chess Concierge Agent“ an, der Fragen etwa zu Ratings, Regeln und laufenden Turnieren beantworten soll.

Auch Spieler, Trainer und nationale Verbände sollen die Plattform nutzen können – zum Beispiel bei Fragen zu Lizenzen oder Ratings.

Das klingt bei Standardfragen durchaus praktisch. Etwas gewöhnungsbedürftiger ist Sutovskys Vorstellung, dass auch Anfragen der nationalen Verbände an die FIDE verstärkt mithilfe einer Kombination aus CRM und KI beantwortet werden könnten. Ob dadurch tatsächlich besserer Service entsteht oder man künftig zunächst mit einer KI über sein FIDE-Problem diskutieren darf, wird die Praxis zeigen müssen.

Eine eigene Spielplattform soll Salesforce ausdrücklich nicht werden.

Beim Rating-System gibt es ebenfalls Überlegungen für Änderungen. Live-Ratings veröffentlicht die FIDE bereits. Zusätzlich wird intern darüber diskutiert, die offizielle Ratingliste künftig wöchentlich statt wie bisher monatlich zu aktualisieren. Beschlossen sei das allerdings noch nicht.

Freedom Holding soll ebenfalls zahlen

Die neun Millionen Dollar von Salesforce lösen nach Sutovskys Darstellung keineswegs alle Finanzierungsfragen. Die Summe reiche nicht aus, um sämtliche Ausgaben der vereinbarten Veranstaltungen und Projekte über die drei Jahre zu decken.

Zusätzlich soll deshalb Freedom Holding die kommende Weltmeisterschaft als Co-Sponsor unterstützen. Wie viel das Unternehmen genau bezahlt und für welchen Zeitraum die Vereinbarung gilt, blieb im Gespräch etwas unklar. Sutovsky deutete allerdings an, dass die Unterstützung für das WM-Match finanziell durchaus in einer ähnlichen Größenordnung liegen könnte wie der Beitrag von Salesforce.

Ein Teil der zusätzlichen Einnahmen soll laut Sutovsky auch dazu dienen, andere FIDE-Ausgaben und Unterstützungsprogramme – beispielsweise für junge Spieler – auszubauen.

Weltmeisterschaft zwischen Büchern

Fast noch interessanter als die Sponsorenfrage waren Sutovskys Details zum Austragungsort der diesjährigen Weltmeisterschaft.

Dass Genf Gastgeber des Matches zwischen dem Inder Gukesh und dem Usbeken Sindarov wird, war bereits bekannt. Die FIDE hatte bei der Vergabe ausdrücklich einen neutralen Austragungsort gesucht. Sowohl Indien als auch andere Länder hatten Interesse gezeigt. Die FIDE begründete ihre Entscheidung für Genf bereits mit dem Gedanken eines neutralen Bodens.

Nun wissen wir auch, wo genau gespielt werden soll.

Nach Sutovskys Angaben fiel die Wahl nach der Prüfung verschiedener Möglichkeiten auf die Fondation Martin Bodmer in Cologny bei Genf.

Foto: Wikipedia

Das ist tatsächlich ein ungewöhnlicher Ort für eine Schach-WM.

Die Fondation ist zugleich Museum und Bibliothek und beherbergt eine bedeutende Sammlung historischer Bücher, Handschriften und Erstausgaben. Genau diese Umgebung soll Teil der Inszenierung werden: Der eigentliche Spielsaal soll ein Raum sein, in dem Gukesh und Sindarov von Büchern umgeben sind.

Sutovsky hält wenig von der klassischen Lösung, eine Weltmeisterschaft einfach in einem Hotel auszutragen. Hotels fühlten sich nicht besonders an, sagte er. Eine Bibliothek und ein Museum seien dagegen „einzigartig“.

Der Spielort selbst ist allerdings nicht groß. Der Zuschauerzugang direkt zum Match soll deshalb sehr begrenzt sein. In unmittelbarer Nähe ist eine VIP-Zone geplant, zusätzlich soll es eine große, öffentlich zugängliche Fan Zone ohne Zugangsbeschränkung geben.

Für Sutovsky ist der kleine Spielsaal offenbar kein Nachteil. Schach sei, so seine etwas zugespitzte Formulierung, „kein Zuschauersport“ – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass Zehntausende Menschen direkt im Stadion sitzen müssten. Entscheidend seien die Umgebung und vor allem die Bilder, die weltweit übertragen werden. Schließlich werde die WM online von Millionen Menschen verfolgt.

Das erklärt die Wahl der Fondation Bodmer: Wenige Menschen unmittelbar neben den Spielern, dafür ein Setting, das im Livestream anders aussieht als der nächste Konferenzsaal eines Hotels.

Eröffnungsfeier bei den Vereinten Nationen

Auch die Eröffnung soll ungewöhnlich werden.

Nach Sutovskys Angaben ist geplant, die Eröffnungszeremonie im Palais des Nations, dem Sitz des Büros der Vereinten Nationen in Genf, auszurichten.

Foto: © Yann Forget / Wikimedia Commons

Der Ort ist keineswegs nur symbolisch mit dem internationalen Genf verbunden. Das Palais des Nations ist als Schachbühne nicht ganz neu: Dort fanden bereits Schachveranstaltungen mit Beteiligung der FIDE und des Schweizerischen Schachbundes statt.

Sutovsky bezeichnete das Palais als einen „sehr besonderen Ort“. Eine Eröffnung dort könne den Status der Weltmeisterschaft zusätzlich erhöhen. Er hofft darauf, dass Botschafter und hochrangige Repräsentanten verschiedener Staaten an der Zeremonie teilnehmen.

Und dann ist da noch die FIDE-Wahl

Natürlich kam Sagar Shah im Interview auch auf die bevorstehende FIDE-Präsidentenwahl zu sprechen.

Sutovsky erklärte zunächst, dass die drei Kandidaturen bislang keinen großen Einfluss auf die tägliche Arbeit der FIDE hätten. Er nutzte die Frage aber gleichzeitig für eine ziemlich positive Bilanz der derzeitigen Führung: große Events, bessere Unterstützung und erfolgreiche Sponsorengewinnung – die FIDE „liefere“, so seine Botschaft.

Bei der Frage, was nach der Wahl aus seiner eigenen Position werden könnte, bemühte sich Sutovsky sichtbar darum, keine direkte Wahlempfehlung abzugeben.

Ganz neutral war seine Antwort trotzdem nicht.

Er betonte mehrfach den Wunsch nach Kontinuität und warnte vor einer Übergangsphase nach der Wahl, in der womöglich zunächst niemand genau wisse, wer welche Entscheidungen treffe. Gerade angesichts anstehender Titelkämpfe und der neuen Großprojekte wolle er solche Unsicherheiten möglichst vermeiden.

Das ist im aktuellen Wahlkampf nicht ganz unpolitisch: Timur Turlov tritt gerade mit dem Versprechen von Kontinuität an. Sutovskys Lob für die bisherige FIDE-Arbeit und sein ausdrücklicher Wunsch nach einem möglichst nahtlosen Übergang können daher durchaus als indirekte Positionierung verstanden werden – auch wenn er eine offene Wahlempfehlung vermied.

Wer sich ausführlicher mit der Präsidentenwahl beschäftigen möchte, findet dazu inzwischen auch die FIDE Presidential Debate von Chess.com, bei der die Kandidaten ihre unterschiedlichen Vorstellungen für die Zukunft des Weltverbandes präsentiert haben. Die Debatte mit Jan Henric Buettner, Timur Turlov und Wadim Rosenstein fand am 9. September statt.

Für den Moment dürfte allerdings die Weltmeisterschaft die unmittelbar spannendere Nachricht sein. Und nach Sutovskys Enthüllungen zeichnet sich ab, dass die FIDE diesmal einiges anders machen will: neun Millionen Dollar von Salesforce, eine Eröffnung bei den Vereinten Nationen und Gukesh gegen Sindarov zwischen den Büchern der Fondation Bodmer.

Die Weltmeisterschaft 2026 dürfte damit nicht nur sportlich, sondern auch organisatorisch deutlich anders aussehen als ihre Vorgänger.


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