Jan Timman (1951–2026)
Mit Jan Hendrikus Timman verliert die Schachwelt eine ihrer prägenden Persönlichkeiten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der niederländische Großmeister, geboren am 14. Dezember 1951 in Amsterdam, starb am 18. Februar 2026 im Alter von 74 Jahren (Bestätigung des niederländischen Schachverbandes). Über mehr als zwei Jahrzehnte gehörte er zur Weltspitze – als Spieler, Autor, Analytiker und leidenschaftlicher Vertreter des königlichen Spiels.
Aufstieg eines Ausnahmetalents
Timman war der Sohn des Mathematikers und Ingenieurs Reinier Timman. Schon früh zeigte sich sein außergewöhnliches Talent. Mit acht Jahren lernte er Schach von seinem Vater, dessen umfangreiche Bibliothek – insbesondere Werke aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg – den jungen Jan nachhaltig prägte. Sein erster sportlicher Ehrgeiz galt dem älteren Bruder Ton Timman (1948–2014), selbst ein starker Spieler und späterer FIDE-Meister.
Mit zwölf Jahren erzielte Jan Timman bei einem Simultan von Max Euwe ein Remis – ein frühes Zeichen seiner Begabung. Die Verbindung zu Euwe war auch familiär: Der ehemalige Weltmeister war einst Mathematiklehrer von Timmans Mutter. Als sich Jans Talent abzeichnete, half Euwe bei der Gründung eines „Timman-Komitees“, das ihm den Weg in die Profikarriere ebnete.
1967 belegte Timman als 15-Jähriger den dritten Platz bei der U20-Weltmeisterschaft in Jerusalem. Von 1967 bis 1969 arbeitete er regelmäßig mit dem Internationalen Meister Hans Bouwmeester, der ihn insbesondere mit den Partien von Botwinnik und Smyslow vertraut machte. 1970 entschied sich Timman endgültig für das Leben als Berufsspieler. 1971 wurde er Internationaler Meister, 1974 Großmeister – als dritter Niederländer nach Euwe und Jan Hein Donner.
Neunmal niederländischer Meister – „Best of the West“
Zwischen 1974 und 1996 gewann Timman neunmal die niederländische Landesmeisterschaft (1974–1976, 1978, 1980, 1981, 1983, 1987, 1996). In den 1980er Jahren war er mehr als zwei Jahrzehnte lang der beste Spieler seines Landes und wurde international häufig als „best of the West“ bezeichnet – als stärkster nicht-sowjetischer Spieler einer Ära, die von der sowjetischen Dominanz geprägt war.

Timman-Petrosian, Interzonenturnier 1979; Von MBIHund - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37948179
Im Januar 1982 stand er hinter Weltmeister Anatoli Karpow auf Rang zwei der Weltrangliste. Seine höchste Elo-Zahl erreichte er 1990 mit 2680 Punkten. Zu seinen bedeutendsten Turniersiegen zählen unter anderem Stockholm 1973, Hastings 1973/74, Amsterdam 1978 und 1981, Wijk aan Zee 1981 und 1985, Mar del Plata 1982, Tilburg 1987, Linares 1988 und viele weitere internationale Erfolge.
Besonders in Erinnerung bleibt sein Sieg gegen Karpow beim Turnier in Mar del Plata 1982 – ein Triumph über den amtierenden Weltmeister.
Zwischen 1982 und 1991 organisierte die niederländische Rundfunkanstalt KRO Matches zwischen Timman und verschiedenen ausländischen Spitzenspielern, darunter auch Spasski, Tal und Kasparov. 1985 verlor Timman dabei in Hilversum mit 2:4 gegen Kasparov, gewann dabei aber auch mit Weiß eine Partie gegen den damals amtierenden Weltmeister:

Der Weg zur Weltmeisterschaft
Nach mehreren Anläufen in Interzonenturnieren gelang Timman 1985 in Taxco der Durchbruch: Mit klarem Vorsprung gewann er das Interzonenturnier und qualifizierte sich erstmals für das Kandidatenturnier. Es folgten dramatische Wettkämpfe gegen Größen wie Michail Tal, Artur Jussupow, Lajos Portisch, Jonathan Speelman, Robert Hübner und Viktor Kortschnoi.
1990 erreichte er das Kandidatenfinale, unterlag dort jedoch Karpow. 1992 stand er erneut im Finale, diesmal gegen Nigel Short.
Als Short und Kasparow 1993 wegen der Gründung des Konkurrenzverbandes PCA von der FIDE ausgeschlossen wurden, erhielt Timman die Chance, um die FIDE-Weltmeisterschaft zu spielen. Der Wettkampf gegen Karpow – je zur Hälfte in niederländischen Städten und in Jakarta ausgetragen – endete mit einer klaren Niederlage für den Niederländer. Dennoch bleibt 1993 ein historischer Moment: Jan Timman war Herausforderer um die Schachweltmeisterschaft und wurde FIDE-Vizeweltmeister.
Mannschaftsspieler und Vereinsmensch
Timman vertrat die Niederlande bei zahlreichen Schacholympiaden zwischen 1972 und 2004. 1976 gewann er mit der Mannschaft Silber und erzielte am ersten Brett die beste Einzelwertung. Auch bei Mannschaftswelt- und Europameisterschaften war er erfolgreich, 2005 gewann er mit der niederländischen Mannschaft die Europameisterschaft.
Auf Vereinsebene spielte er unter anderem für Volmac Rotterdam, Breda (mit zahlreichen nationalen Titeln und dem Gewinn des European Club Cup 1998), die SG Porz in der deutschen Bundesliga sowie weitere Clubs in Schweden, Frankreich und Belgien.
Autor, Analytiker, Komponist
Neben seiner Karriere am Brett war Timman ein produktiver Autor und einer der Chef-Herausgeber der Zeitschrift New In Chess. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter „Chess the adventurous way“, „On the attack“, „The Art of the Endgame“, „Timman’s Titans“ sowie „The Unstoppable American“. Besonders „Timman’s Titans“ wurde vielfach gewürdigt und 2017 als ECF Book of the Year ausgezeichnet.
Seit 1971 betätigte er sich zudem als Schachkomponist. Seine besondere Zuneigung galt Endspielstudien und der ästhetischen Seite des Spiels. Timmans Ehefrau Geertje Ram ist Expertin für retroanalytische Schachaufgaben.
Ein westlicher Gigant der Sowjet-Ära
Stilistisch wurde Timman mitunter mit Emanuel Lasker verglichen – ein Spieler, der psychologische Aspekte verstand und bereit war, Gegner auch in deren Lieblingsvarianten zu fordern. In einer Zeit sowjetischer Übermacht ragte er als stärkster westlicher Spieler heraus. Gemeinsam mit Max Euwe zählt er zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der niederländischen Schachgeschichte.
Über zwei Jahrzehnte gehörte Jan Timman zur absoluten Weltklasse. Er gewann unzählige Turniere, stand im Kandidatenfinale, spielte um die Weltmeisterschaft – und blieb doch einer jener ganz Großen, die nie Weltmeister wurden. Gerade diese Mischung aus Brillanz, Hartnäckigkeit und intellektueller Tiefe macht sein Vermächtnis aus.
Mit Jan Timman verliert das Schach nicht nur einen Großmeister, sondern einen Denker, Erzähler und leidenschaftlichen Bewahrer seiner Geschichte. Sein Werk am Brett und in Büchern wird bleiben.
Beitragsfoto: Von Winicjusz Drozdowski, Poland - Photo collection of Winicjusz Drozdowski, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1949507
Weiterführende Quellen:












