Neue Tools im Schach: Was brauche ich eigentlich?
Noch vor wenigen Jahren war Schachtraining im Internet relativ überschaubar: Es gab einige große Plattformen wie Chess.com und Lichess sowie ergänzende Angebote wie Aimchess oder ChessTempo.
Heute ist der Markt regelrecht explodiert.
Überall entstehen neue Angebote: KI-Coaches analysieren Partien, Apps bauen Eröffnungsrepertoires auf, andere finden reale Spielpartner oder organisieren komplette Turniere. Für Spieler und Trainer ist das eine riesige Chance – gleichzeitig wird es immer schwieriger, den Überblick zu behalten.
⚠️ Viele neue Tools – aber nicht alle werden bleiben
Die Entwicklung ist faszinierend, aber auch typisch für eine neue Technologiephase. Viele Angebote überschneiden sich, manche befinden sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium und längst nicht jedes Projekt wird sich dauerhaft durchsetzen.
Deshalb ist die entscheidende Frage nicht:
Welches ist das beste Schach-Tool?
Sondern:
Was möchte ich eigentlich machen?
1. Ich will meine eigenen Partien verstehen
Die Engine sagt, dass 23.♘f4 ein Fehler war. Aber warum habe ich diesen Fehler gemacht – und passiert mir so etwas öfter?
Genau hier setzt eine ganze neue Generation von Analysewerkzeugen an.
rookion.de – Deutschland, entwickelt von Philip Lankes
Rookion ist ein deutschsprachiger KI-Schachcoach. Eigene Partien können von Chess.com oder Lichess geladen oder per PGN importiert werden. Statt nur den besten Enginezug anzuzeigen, konzentriert sich das Tool auf entscheidende Momente und fragt den Spieler zunächst nach dessen Überlegungen.
auditchess.com
AuditChess untersucht nicht nur eine Partie, sondern auf Wunsch Hunderte oder Tausende eigene Chess.com- beziehungsweise Lichess-Partien. Das Tool sucht nach wiederkehrenden Schwächen bei Eröffnungen, Taktik und Endspielen und verwandelt eigene Fehler automatisch in Trainingsaufgaben.
aroundchess.com
AroundChess analysiert Partien mit Stockfish, identifiziert Schwächen und erstellt daraus individuelle Trainingsvorschläge. Zusätzlich bietet die Plattform KI-Gegner, Repertoire- und Endspielfunktionen.
chessiro.com
Chessiro versucht, klassische Engine-Auswertungen in verständliche Coaching-Erklärungen zu übersetzen und aus Fehlern Trainingsaufgaben zu erzeugen.
mated.gg
Der Online-Coach analysiert Partien aus Chess.com, Lichess oder einer PGN mit Stockfish 18 und erklärt Fehler, verpasste Chancen und bessere Fortsetzungen in verständlicher Sprache.
chessline.ai
Ein KI-Coach, der eigene Partien auswertet und daraus individuelle Trainings- und Verbesserungsvorschläge ableitet.
Der gemeinsame Trend: Die Engineanalyse ist nicht mehr das Ende des Prozesses, sondern der Ausgangspunkt für individuelles Training.
2. Ich will gezielt trainieren
Nicht jedes Problem erfordert einen KI-Coach. Manche Tools konzentrieren sich bewusst auf eine bestimmte Trainingsmethode.
chessriddle.com – Deutschland, entwickelt von Felix Beck
Bei ChessRiddle ist die gegnerische Antwort zunächst nicht sichtbar. Dadurch muss eine taktische Variante tatsächlich im Kopf berechnet und visualisiert werden, statt sich Zug für Zug durch eine Aufgabe zu klicken.
chessenrich.com – Indien
Chess Enrich verbindet verschiedene Trainingsformen: „Best Move Quest“, Analyseaufgaben mit Coach-Feedback und Guessing Games, bei denen Züge aus Meisterpartien vorhergesagt werden. Trainingsfortschritt und gelöste Aufgaben werden dokumentiert.
chessflow.com – Kanada
ChessFlow kombiniert adaptives Taktik- und Eröffnungstraining. Inhalte und Schwierigkeit werden an den Nutzer angepasst.
chessmind.ai – Peru
Ein KI-basiertes Trainingssystem, das Aufgaben, Lektionen und Wiederholungen miteinander verbindet.
chessmind.app – Frankreich
Eine adaptive Trainingsplattform mit Schwerpunkt auf Taktik. Die Aufgaben passen sich automatisch dem eigenen Spielniveau an.
qchess.net – Deutschland
Qchess bündelt mehrere spezialisierte Trainingswerkzeuge. Unter anderem lassen sich Zeitmanagement und Figureneinsteller in eigenen Onlinepartien untersuchen sowie Eröffnungsvarianten trainieren.
tactics.viditchess.com / memory.viditchess.com – Indien
Zwei spezialisierte Angebote von Großmeister Vidit Gujrathi: eines für taktisches Training aus Meisterpartien, das andere für Visualisierung und Stellungsgedächtnis.
darksquares.net – Frankreich, entwickelt von Antoine Tamano
DarkSquares ist ein spezialisiertes Tool für Visualisierung und Blindschach. Das Training ist in sieben Stufen aufgebaut: von Feldfarben und Koordinaten über Figurenwege und Stellungsgedächtnis bis hin zu Blindtaktik und kompletten Partien ohne sichtbares Brett. Dazu kommen Übungen für Springer- und Läuferwege, Positionsgedächtnis sowie Partien gegen KI-Gegner.
endgame.ai – USA
Eine Trainingsplattform mit Schwerpunkt auf Endspielen, Spielen und wettkampforientierten Übungen.
duolingo.com/chess – USA
Duolingo überträgt sein aus dem Sprachenlernen bekanntes Prinzip kurzer, spielerischer Lektionen auf Schach. Das Angebot richtet sich vor allem an Einsteiger.
3. Ich will mein Eröffnungsrepertoire aufbauen und lernen
Hier ist inzwischen ein eigener Markt entstanden. Es geht nicht mehr nur darum, Varianten irgendwo zu speichern, sondern darum, sie systematisch zu lernen und zu wiederholen.
chessbook.com
Ein spezialisiertes Werkzeug für den Aufbau eines persönlichen Repertoires mit systematischer Wiederholung.
chessreps.com
Ein Repertoiretrainer, der Varianten in strukturierten Lines organisiert und das Lernen mit Wiederholung verbindet.
LotusChess – Deutschland, entwickelt von Raphael Nitsche
Eine gamifizierte Trainings-App mit Schwerpunkt auf dem Aufbau und der Wiederholung des eigenen Eröffnungsrepertoires. Inzwischen bietet LotusChess zusätzlich umfangreiches Endspieltraining und weitere Trainingsfunktionen.
chesslab.me
Eine einsteigerfreundliche Plattform, die umfangreiche Eröffnungstheorie in kleinere, leichter lernbare Einheiten zerlegt.
chessline.io – Schweiz
Verbindet Repertoireverwaltung mit individuellen Trainingsplänen und Wiederholung.
4. Ich will meine Partien und Schachdaten verwalten – oder mich auf einen Gegner vorbereiten
Diese Gruppe ist näher an ChessBase als an einem klassischen Puzzletrainer. Im Mittelpunkt stehen Datenbanken, PGNs, Eröffnungsbäume, Statistiken und Recherche.
chess.ceo – entwickelt von GM Lucas van Foreest
Die 2026 gestartete browserbasierte ChessBase-Alternative verbindet eine große Partiedatenbank mit Stockfish, Eröffnungsbaum und PGN-Verwaltung. Interessant ist insbesondere die Gegnervorbereitung mit automatisch erzeugten Repertoirebäumen und Statistiken.
flexichess.com – Australien
FlexiChess kombiniert eine große Partiedatenbank, Stockfish-Analyse und PGN-Verwaltung. Dazu kommen Spielerprofile für die Gegnervorbereitung, ein „Leakfinder“ für wiederkehrende eigene Fehler und Repertoiretraining.
chessmonitor.com – Deutschland, entwickelt von Thomas Dondorf
ChessMonitor ist besonders interessant für Spieler, die viele eigene Partien statistisch auswerten möchten: Entwicklung, Eröffnungen, Ergebnisse und andere Leistungsdaten lassen sich über längere Zeiträume untersuchen. Die Daten können zugleich bei der Vorbereitung auf andere Spieler helfen.
chessstalker.com
Ein spezialisiertes Scouting-Werkzeug. Aus den Onlinepartien eines Gegners werden Eröffnungsgewohnheiten, Spielstil und mögliche Schwächen herausgearbeitet.
Diese Kategorie dürfte in den nächsten Jahren besonders interessant werden: Aus der klassischen Partiedatenbank wird zunehmend ein automatischer persönlicher Scout.
5. Ich will Ratings, Spieler und Turniere recherchieren
Hier geht es nicht primär um Training, sondern um die Frage: Was passiert gerade – und wie entwickelt sich ein Spieler?
chess-rankings.com
Chess Rankings zeigt aktuelle FIDE-Ratings sowie Welt-, Kontinental- und Länderplatzierungen. Hinzu kommen Partiedatenbank, Analysewerkzeuge und Funktionen zur Gegnervorbereitung. Gerade die Verbindung von Ratingdaten und Spielerrecherche macht das Angebot interessant.
radarchess.com
RadarChess berechnet laufend inoffizielle Schätzungen aktueller FIDE-Ratings auf Grundlage bereits veröffentlichter Turnierergebnisse.
chessever.com – Aserbaidschan, von GM Vasif Durarbaily
Eine mobile Plattform zum Verfolgen realer Turniere und Livepartien. Spieler und Partien können favorisiert werden; außerdem stehen Spielerprofile und Datenbankfunktionen zur Verfügung.
6. Ich will ein Schachturnier organisieren
Hier würde ich die Turnierprogramme konsequent aus der bisherigen Kategorie „Statistikdienste“ und auch aus „Community“ herausnehmen. Sie lösen ein ganz anderes Problem.
chessprofi.com – Deutschland, entwickelt von Can Kiyici
ChessProfi verbindet Teilnehmeranmeldung, Bezahlung, Paarungen, Ergebnisse sowie DWZ- und Elo-Daten. Hinzu kommen unter anderem Turnierserien, Rechnungen, Urkunden, Ticketing und Exportfunktionen.
chess-publisher.org – entwickelt von Kyamran Bilyal
Eine kostenlose Open-Source-Software für Turnierveranstalter und Schiedsrichter. Teilnehmer, Paarungen, Ergebnisse und Tabellen werden in einer Anwendung verwaltet; hinzu kommen Chess-Results-, TRF26- und DGT-Funktionen sowie inzwischen ein eigener öffentlicher Tournament Hub.
7. Ich bin Trainer – und will Unterricht oder Trainingsmaterial organisieren
Das ist eine eigene Zielgruppe, die in der bisherigen Gruppierung etwas untergeht.
chessmint.app – Deutschland, entwickelt von Jakob Pfreundt
Ein Werkzeug zur Erstellung von Schachaufgaben, Arbeitsblättern, Puzzle-Sheets und PDFs für Training und Unterricht.
chess.run – Dubai, gegründet von Maxim Volkovitsky
Chess.Run ist eher Verwaltungssoftware für professionelle Trainer und Schachschulen: Onlineunterricht, Schülerverwaltung, Terminplanung, Hausaufgaben, Fortschrittskontrolle und Abrechnung befinden sich unter einem Dach.
8. Ich will an Konzentration und mentaler Stärke arbeiten
Hier gibt es derzeit noch deutlich weniger Angebote als bei Taktik oder Eröffnungen.
chess-mind.de – Deutschland, entwickelt von Janik Notheis
Chess Mind beschäftigt sich speziell mit psychologischen Faktoren des Schachs: Konzentration, Entscheidungsfindung, Umgang mit Druck und mentaler Stärke.
9. Ich will andere Schachspieler im echten Leben finden
Das ist eine der interessantesten Entwicklungen überhaupt: Neue Plattformen versuchen nicht, noch mehr Schach online stattfinden zu lassen, sondern nutzen das Internet, um Menschen ans reale Brett zu bringen.
CheckmateIRL.com – Deutschland, entwickelt von Lucas Schaubel
Nutzer können Spielpartner, Vereine, Cafés, Parks und Veranstaltungen in ihrer Umgebung finden. Offline-Partien lassen sich mit integrierter Uhr und eigener Wertung erfassen.
dwz-match.de – Deutschland
DWZ-Match vermittelt echte Präsenzpartien zwischen Vereinsspielern. Gegner, Termin und Spielort werden flexibel vereinbart; die Partie kann anschließend offiziell DWZ-ausgewertet werden.
chess-bar.com – Frankreich
Ein lokaler Ansatz rund um regelmäßige Schachveranstaltungen in Bars und Cafés.
chessfam.com
ChessFam verbindet Turniersuche, Vereine, Spielstätten, Spielerprofile und Community-Funktionen und erleichtert damit insbesondere die Suche nach realen Schachangeboten.
10. Ich will mich mit anderen Schachspielern vernetzen
Hier steht nicht eine konkrete Trainingstechnik, sondern die Schach-Community im Mittelpunkt.
chessivity.com – Österreich
Chessivity ist eine soziale Plattform speziell für Schachspieler. Nutzer können Beiträge veröffentlichen, anderen folgen sowie eigene Schachaktivitäten wie Training, Partien oder gelöste Aufgaben dokumentieren.
chessconnect.eu – Deutschland
ChessConnect verbindet Spieler, Gruppen und Vereine. Nutzer können reale Veranstaltungen entdecken, Gruppen beitreten oder selbst organisieren. Bemerkenswert ist, dass auch komplette Turniere mit Anmeldung, Ergebnissen und Tabellen innerhalb der Plattform durchgeführt werden können.
ChessConnect ist ein gutes Beispiel dafür, warum die Kategorien nicht perfekt trennscharf sein können: Der Hauptzweck ist Community und reale Vernetzung – die Turnierorganisation ist eine wichtige Zusatzfunktion.
taketaketake.com – Norwegen
Take Take Take verbindet das Spielen von Onlinepartien mit Partieerklärungen und sozialen Funktionen. Spiele, Ergebnisse und Challenges können mit Freunden geteilt werden.
11. Ich will gegen neue Arten von Gegnern spielen
Auch beim eigentlichen Spielen entstehen neue Konzepte – insbesondere durch KI.
playchessgate.com – Deutschland, entwickelt von Arne Bailliere
Hier kann man gegen KI-Nachbildungen historischer Schachgrößen antreten. Deren Spielweise soll anhand ihrer realen Partien rekonstruiert werden.
chessiverse.com – USA
Chessiverse bietet Bots mit unterschiedlichen, stärker menschlich wirkenden Spielstilen und versucht damit, das Training gegen Computer abwechslungsreicher zu machen.
12. Ich will möglichst viel in einem einzigen Programm
Und schließlich gibt es Tools, die sich bewusst nicht sinnvoll in nur eine Trainingskategorie pressen lassen.
chessboardmagic.com – Deutschland, entwickelt von Toan Hoang
ChessBoardMagic bündelt Analyse, Training, Repertoirearbeit, Visualisierung und zahlreiche weitere Funktionen in einer Oberfläche.
Ein echtes Schweizer Taschenmesser für Schachspieler.
🧭 Fazit: Erst das Problem – dann das Tool
Wir erleben derzeit eine außergewöhnliche Phase des digitalen Schachs. Für fast jedes Trainings- oder Organisationsproblem entsteht eine spezialisierte Anwendung.
Das bedeutet:
👉 mehr Möglichkeiten als je zuvor
👉 deutlich stärker personalisiertes Training
👉 immer mehr Spezialwerkzeuge
👉 aber auch einen zunehmend unübersichtlichen Markt
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Welches Tool ist das beste?
Sondern:
Was will ich eigentlich erreichen?
Will ich meine Partien verstehen? Mein Repertoire lernen? Einen Gegner vorbereiten? Meine Eloentwicklung verfolgen? Ein Turnier organisieren? Oder einfach jemanden finden, der heute Abend mit mir eine Partie am echten Brett spielt?
Erst wenn diese Frage beantwortet ist, lohnt sich die Suche nach dem passenden Tool.
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